Freitag, 25. Januar 2008

Dubai an der Nordsee - Leserbriefe im Spiegel

Gestern erhielt ich mit der Post eine Zeitschriftensendung mit folgenden Anschreiben:

Ihr Leserbrief ist im SPIEGEL veröffentlicht worden. Als kleines Dankeschön für das Interesse an unserer Arbeit schicken wir Ihnen ein Belegexemplar zu. Mit freundlichen Grüßen SPIEGEL-Verlag Leser-Service


Mein Leserbrief wurde "stark" gekürzt, und der wiedergegebene Ausschnitt zum Teil umformuliert. Der Kern meiner Kritik bezog sich auf die einseitig negative Darstellung Bremerhavens, und die - milde ausgedrückt - unzureichende Recherche. Das ist aus dem abgedruckten Text leider nicht mehr zu erkennen.

Ich vermute, dass auch die anderen veröffentlichten Leserbriefe zum Thema gekürzt sind. Ich will sie euch aber trotzdem nicht vorenthalten. Mein Leserbrief ist der fünfte am Ende der Reihe.


Die Leserbriefe wurden unter folgender Schlagzeile veröffentlicht:

Feinster Granitbelag
Nr. 2/2008, Städte:
Ein mutiger Plan soll das bitterarme Bremerhaven retten

Bremerhaven ist weder ein tristes Sozialghetto noch eine graue, schmutzige Stadt. Sie ist so grau wie jede Stadt im Dezember und nicht so schmutzig wie Hamburg vor seinem Hauptbahnhof. Es stimmt: Bremerhaven kämpft für mehr Arbeitsplätze und für mehr Bevölkerung in der Stadt. Aber bundesweit ausgezeichnete Projekte für die Reintegration einer hohen Zahl Langzeitarbeitsloser werden von Ihnen nicht erwähnt. Ebenso wenig wie der international angesehene Automobilhafen sowie die sehr beachtete Lebensmittelindustrie mit einem im europäischen Maßstab einmaligen Schwerpunkt im Tiefkühlsektor. Hochspezialisierte Werften, maritimer Tourismus und die wachsende Windenergiebranche machen Mut, und die das Stadtbild bestimmende Architektur von Böhm, Scharoun, Ungers erfreut das Auge.
BREMERHAVEN UWE BECKMEYER MDB/SPD

Wenn Sie behaupten, Bremerhaven habe sich einen "neuen Zoo geleistet", so sollte man dazu erwähnen, dass der bereits 1913 eingeweihte Zoo am Meer wegen der strengen Artenschutzbestimmungen der EU veraltet war und grundlegend umgebaut werden musste.
BREMERHAVEN BARBARA HEINKEN



Statt Skepsis und Bestätigung der Armenhaus-Darstellung zu verbreiten, sollte der Mut der Politik und des Oberbürgermeisters hervorgehoben werden, um die von Ihnen korrekt analysierte tiefe Krise endlich zu überwinden. Wie wohl sonst könnten die immensen sozialen Lasten einer Kommune in der Krise geschultert werden, wenn nicht durch höhere Steuereinnahmen wirtschaftlich gesunder Unternehmen und einer höheren Erwerbstätigenzahl.
BREMEN DR. ALFRED LÜNEBURG

Das "graue Betonband durch die Stadt, die Fußgängerzone" ist nicht Beton oder so gammelig wie in Hamburg, sondern feinster Granitbelag. Wir haben neben den neuen Havenwelten auch ein Auswanderermuseum, das als europäisches Museum des Jahres 2007 ausgezeichnet worden ist, Gründerzeitvillen, einen Bürgerpark, ein Stadttheater, eine Kulturmeile im Hafen, eine Kunsthalle und das Alfred-Wegener-Institut, das bedeutendste Polarforschungsinstitut.
BREMERHAVEN PETER KOETTLITZ


Wenn aufgrund des Arbeitsplatzabbaus in der Schiffbauindustrie keine Substanz mehr da ist, muss etwas völlig Neues entwickelt werden - und das ist nicht umsonst zu haben. Tourismusförderung ist dabei eine unter vielen anderen Möglichkeiten. Es ist jedoch alles andere als tourismusfördernd, wenn diese Bemühungen mit solchen Artikeln bereits im Keim erstickt werden.
BREMERHAVEN JÜRGEN WINKLER


Zum besseren Verständnis ist hier noch einmal der volle Wortlaut meines Leserbriefes an den Spiegel. Die veröffentlichten Fragmente am Ende meines Leserbriefes habe ich fett dargestellt:

Dubai an der Nordsee
"Der Spiegel" 2/2008,
zweiseitiger Artikel über Bremerhaven mit dem Titel "Dubai an der Nordsee"

Einmal ganz davon abgesehen, dass der ganze Artikel scheinbar nur deshalb geschrieben worden ist, um Bremerhaven genüsslich durch den tiefsten Dreck zu ziehen, ist er nicht gerade förderlich für die auf Hochtouren laufenden Bemühungen, die Stadt aus der Krise zu führen.

Die "alten Stadtteile" Lehe, Geestemünde und Wulsdorf sind die Wohngebiete und der Lebensraum eines Großteils der Bremerhavener Bevölkerung. Viele der hier lebenden Menschen stecken ihre ganze Kraft und ihr Vermögen in die Erhaltung der alten Bürgerhäuser. Unsere Eigentumswohnungen dienen unter anderem auch unserer Altersversorgung. Danke dafür, dass dieser oft lebenslange Einsatz so gering geschätzt wird! Wertfördernd für den Immobilienbestand der Stadt sind die Äußerungen in dem Artikel jedenfalls nicht gerade.

Nebenbei bemerkt: Der "Türkische Gemüsehändler" in der Goethestraße ist vermutlich die seit langem in Bremerhaven ansässige deutsche Obst- & Gemüsehandlung Dietzel, die mit ihrem Geschäft in eine andere Straße umgezogen ist. Über den Grund dafür, dass nämlich einzelne Immobilienspekulanten aus anderen Regionen Deutschlands ganze Wohnhäuser verfallen lassen, wird in dem Artikel leider nicht berichtet. Einen "Türkischen Gemüsehändler", der die Flucht ergriffen hat, weil er das Elend im Stadtteil nicht mehr mit ansehen konnte, hat es in der Goethestraße hingegen nie gegeben.

Die Abschnitte über das Problem der Arbeitslosigkeit und die daraus resultierenden Probleme in unserer Stadt entsprechen sicherlich der Wirklichkeit. Aber wenn der Rest des Artikels der reine Verriss ist dann finde ich das schon ein starkes Stück. Die erst vor drei Jahren völlig renovierte Fußgängerzone mit ihrer Pflasterung aus großen, hellgelben chinesischen Granitblöcken als "graues Band" zu bezeichnen grenzt zum Beispiel schon an Boshaftigkeit.

Wenn in Bremerhaven wieder Geld verdient werden soll, dann müssen dafür erst einmal die Grundlagen geschaffen werden. Wenn aufgrund des Niederganges der Schiffbauindustrie in Westdeutschland keine Substanz mehr da ist, dann bedeutet das erst einmal etwas völlig neues zu entwickeln - und das ist nicht umsonst zu haben. Tourismusförderung ist dabei eine unter vielen anderen Möglichkeiten die Bremerhaven wieder voranbringen können. Dabei ist es jedoch alles andere als tourismusfördernd, wenn diese Aufbaubemühungen von der Presse mit Artikeln wie "Dubai an der Nordsee" bereits im Keim erstickt werden.

In Bezug auf eine Person würde man in diesem Fall sicherlich von Rufmord sprechen können.

Und noch etwas sei hier der Vollständigkeit halber am Rande erwähnt: Das Interview mit dem "Stadt-Therapeuten" und Oberbürgermeister Herrn Schulz ist meines Wissens fast zwei Jahre alt. Es wurde am 8. März 2006 geführt.

Jürgen Winkler

1 Kommentar:

Brigitte/Weserkrabbe hat gesagt…

Lieber Jürgen,
danke, dass Du die ganzen Leserbriefe aufgeführt hast. Dass der Spiegel Deinen so krass gekürzt hat, finde ich, passt zu dem jetzigen Niveau auf dem auch der Dubai-Artikel geschrieben wurde.

Ein schönes Wochenende
Brigitte

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